Wahrnehmung und Wertschätzung
pflanzlicher Artenvielfalt durch die Bevölkerung
Wie nehmen Menschen Artenvielfalt wahr? Gefällt ihnen Artenvielfalt?
Xenia Junge
Der gegenwärtige Verlust von Artenvielfalt stellt eine grosse
Bedrohung für viele Ökosysteme dar. Biologische Vielfalt
hat eine funktionelle Bedeutung für Ökosysteme und beeinflusst
Ökosystemprozesse. Deshalb werden artenreiche Lebensräume
als besonders wertvoll und schützenswert angesehen. Es gibt
aber kaum Hinweise darauf, ob Artenreichtum von der Bevölkerung
überhaupt wahrgenommen und geschätzt wird.
In meiner Diplomarbeit ging ich deshalb folgenden Fragen nach: Können
Menschen pflanzliche Artenvielfalt als solche erkennen? Können
sie artenreichere von artenärmeren Pflanzengemeinschaften unterscheiden?
Schätzen sie pflanzlichen Artenreichtum, empfinden sie ihn
als schön?
Um die Wahrnehmung und Wertschätzung pflanzlicher Vielfalt
durch die Bevölkerung zu klären, habe ich zwei sich ergänzende
Untersuchungen durchgeführt. In der ersten Untersuchung präsentierte
ich 423 zufällig ausgewählten Besucherinnen und Besuchern
des Botanischen Gartens Zürich experimentell zusammengestellte
Wiesen unterschiedlicher Diversität. In der zweiten Untersuchung
markierte ich unterschiedlich artenreiche Flächen in Säumen
des Kantons Zürich und präsentierte sie 217 vorbeikommenden
Passantinnen und Passanten.
Die Teilnehmenden wurden mithilfe eines Fragebogens gebeten, zu
schätzen, wieviele verschiedene Pflanzenarten sich jeweils
in den präsentierten Pflanzengemeinschaften (kleine Wiesen
oder Saumflächen) befinden, und anzugeben, wie gut ihnen die
Pflanzengemeinschaften gefallen.
Die Ergebnisse meiner Untersuchung zeigen, dass Menschen artenreichere
von artenärmeren Pflanzengemeinschaften grundsätzlich
unterscheiden können. Artenreichere Pflanzengemeinschaften
wurden jedoch in ihrem tatsächlichen Artenreichtum stark unterschätzt,
wohingegen artenärmere Gemeinschaften in ihrer Artenzahl stark
überschätzt wurden. Je besser die Pflanzenkenntnisse einer
Person waren, desto besser schätzte sie die Anzahl Arten in
den präsentierten Wiesen und Saumparzellen. Die Ergebnisse
zeigen auch, dass Menschen artenreiche Pflanzengemeinschaften besonders
schätzen und als schön empfinden. Je artenreicher eine
Pflanzengemeinschaft war, desto besser gefiel sie den Testpersonen.
Die häufigste Begründung für die positive Bewertung
einer Wiese oder Saumparzelle war ihre Vielfalt.
Diese damit geäusserte Wertschätzung an biologischer Vielfalt
ist erfreulich, da ein nachhaltiger Schutz biologischer Vielfalt
nur dann möglich ist, wenn er auf eine breite Akzeptanz in
der Öffentlichkeit stösst. Positive Einstellungen zur
Artenvielfalt reichen aber alleine nicht aus, um diese zu schützen.
Wie die vorliegende Untersuchung gezeigt hat, nehmen Menschen pflanzlichen
Artenreichtum nur unzureichend wahr – graduelle Unterschiede
fallen ihnen nicht auf. Dies führt möglicherweise dazu,
dass sie den schleichenden Verlust an pflanzlicher Vielfalt nicht
erkennen. Eine Schulung der Pflanzenkenntnisse könnte zu einer
verbesserten Wahrnehmung von Arten und ihrer Vielfalt führen
und einen Beitrag zum Erhalt biologischer Vielfalt leisten.
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